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Nationalfeiertag - Rede von Bundesrat Alain Berset zum 1. August

Alain Berset an seiner 1- August Rede.
Alain Berset an seiner 1- August Rede. (Bildquelle: TickerMedia)

Das ist kein gewöhnliches Jahr – und das kann auch kein gewöhnlicher 1. August sein. Noch ist die Krise nicht überstanden.

Nachdem die Covid-Ansteckungen lange auf niedrigem Niveau blieben, steigen sie seit Mitte Juni. In den letzten Tagen deutlich. Kantone berichten von «Hotspots», die sie zu bewältigen haben. Der Anstieg ist nicht unerwartet, weil sich die Menschen mehr bewegen, mehr reisen und sich auch mehr im Ausland aufhalten. Wir alle müssen nun gemeinsam den Aufwärtstrend entschieden bekämpfen.

Der Bundesrat verfolgt die Lage von nah und ist im Gespräch mit den Kantonen. Diese nehmen ihre Aufgabe sehr ernst. Einige Kantone haben bereits zusätzliche Massnahmen ergriffen, wie etwa der Kanton Tessin. Er begrenzt beispielsweise die Anzahl Gäste in Lokalen auf 100. Genf hat sogar alle Clubs geschlossen. Es gilt, die Anzahl Ansteckungen wieder zu senken, die Infektionsketten zu brechen. Wir kennen die Abstands- und Hygieneregeln, die wirksam und wichtig sind. In den Ferien, bei der Arbeit, im öffentlichen Verkehr, in den Restaurants. Überall. So schützen wir uns alle.

Das Virus ist noch da. Das ist kein gewöhnlicher Sommer: Es ist eine Zeit des Abwartens, des Hoffens und des Bangens. Der Sehnsucht nach Normalität und der Ernüchterung, denn wir blicken auf die globale Lage und wissen, es könnte noch länger dauern. Wir sehnen uns nach dem alten Leben, aber wir spüren, es hat sich etwas verändert. Für jeden und jeden und für die Gesellschaft. Aber wie wird sich unser Leben, unser Alltag, unsere wirtschaftliche Situation verändern? Wir wissen es nicht.

Dieses Jahr erinnert uns – auf drastische Weise – daran: Wir sind nicht immer die verschonte Nation, als die wir uns häufig begreifen. Und die wir tatsächlich auch häufig waren. Neutralität, Glück, strategisches Geschick: Sie haben uns sogar die schreckliche erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gut überstehen lassen. Das Virus ist natürlich nicht vergleichbar mit den Weltkriegen. Aber es greift stark in unsere Leben ein. Und es verbreitet grosse Unsicherheit.

Vielleicht ist diese Unsicherheit für uns Schweizer besonders schwer auszuhalten. Denn wir sind eine Insel der Stabilität mitten auf einem historisch unruhigen Kontinent. Wir sind mitten in Europa – nicht nur geographisch, sondern auch kulturell, gesellschaftlich, wirtschaftlich. Und damit auch virologisch. Wir sind auch mitten drin im Prozess der Globalisierung. Ja, wir sind sogar eines der am stärksten globalisierten Länder der Welt. Mit starken Exportfirmen. Mit der höchsten Dichte an multinationalen Unternehmen. So viel Weltoffenheit und gleichzeitig so starke regionale und lokale Identitäten: Das erzeugt immer wieder politische Spannungen.

Die internationale Verflechtung hat viele Vorteile für unser Land. Von der gegenseitigen kulturellen Befruchtung bis zu grossen Wohlstandsgewinnen.Aber diese Verflechtung birgt eben auch Risiken. Ich bin überzeugt: Wir sind pragmatisch genug, um das gegeneinander abzuwägen – und nicht in Abwehrreaktionen zu verfallen. Und uns wirtschaftlich noch zusätzlich zu schwächen in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten, die auch uns bevorstehen.

Diese Krise führt uns vor Augen, wie fragil unsere Gesellschaften sind. Aber wir beweisen auch, dass wir zäh sind. Dass wir wissen, wann es Zeit ist, unsere Differenzen ruhen zu lassen und gemeinsam die Herausforderung anzupacken. Wir waren und sind füreinander da: Besonders das Tessin hat eindrücklich bewiesen, welch enge und solidarische Gemeinschaft es ist. Die Coronakrise ist die Stunde des Mitgefühls mit den Schwächeren, die Stunde des Anpackens und der Verantwortung für die anderen.

Ich habe in den letzten Wochen viele Briefe erhalten von Bürgerinnen und Bürgern. Zum Beispiel einer 95-jährigen Frau aus dem Kanton Basel-Land, die in einem Altersheim lebt. Sie schreibt: „Wir sind wunderbar umgeben von den Hilfskräften“, also von den Pflegerinnen und Pflegern. Und sie dankt allen, die sie unterstützen und die sie schützen vor dem gefährlichen Virus. Auch ein elfjähriger Bub hat mir geschrieben, ein Fünftklässler aus dem Kanton St. Gallen. Er hat mir geschrieben: „Ich möchte mich bedanken, dass Sie die Schulen geschlossen haben und die Läden und vieles mehr.“

Es war die Stunde des gelebten Engagements – besonders in den Spitälern und Altersheimen, wo Grosses geleistet wurde. wie auch in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft und der Wirtschaft.

Noch etwas haben wir bewiesen: Der Zusammenhalt der Landesteile ist stark. Von der ersten Coronawelle war das Tessin stärker betroffen als die Deutschschweiz. Die Grenzregionen – insbesondere das Tessin, aber auch die Waadt und Genf bekamen von nahe mit, wie schlimm die Situation in Spitälern und Altersheimen in den Nachbarländern teilweise war.

Ich habe im März und April zahlreiche Mails aus dem Tessin erhalten von Menschen, die in grosser Sorge waren: „Chiudete tutto“, forderten viele. Tessiner Exponenten forderten denn auch härtere Massnahmen, während viele Stimmen in der Deutschschweiz schon früh für Lockerungen plädierten. Der Bundesrat bemühte sich in dieser spannungsreichen Situation, Lösungen zu finden, die den kantonalen Gegebenheiten gerecht wurden, ohne jedoch die nationale Strategie zu unterlaufen. Damals und jetzt versucht er die Balance zu finden zwischen Schutz der Gesundheit und Öffnen der Wirtschaft.

Der Bundesrat ist sich bewusst, dass die Coronapandemie für viele Menschen und Betriebe im Land eine existentielle Krise bedeutet. Die ganze Schweiz hat bewiesen, dass wir einander helfen, wenn es nötig ist. Und es war und ist nötig. Wir helfen einander, wenn es darum geht, diese Gesundheitskrise zu überwinden. Egal, wie lange es dauert. Wir helfen einander, wenn es darum geht, die kommende Rezession möglichst gut zu überstehen. Egal, wie schwer diese sein wird. Egal, wie unterschiedlich wir betroffen waren und betroffen sind von diesem Virus. Wir gehören zusammen. Egal, wie unterschiedlich wir die Welt sehen und beurteilen.

Wie gesagt: Ich habe in den letzten Wochen zahlreiche Briefe erhalten. Auch ein 15-jähriger Junge hat mir geschrieben. Seine Eltern stammen aus Indien und Sri Lanka. Er will eine Lehre absolvieren und fühlt sich sehr wohl hier. „Es gibt aber auch Rassismus in der Schweiz“, schreibt er. Oft meinen – oder hoffen – wir, wir hätten als Gesellschaft Fremdenfeindlichkeit und erst recht Rassismus längst hinter uns gelassen. Aber dem ist leider nicht so. Wir dürfen Rassismus und Diskriminierung nicht tolerieren. Nicht im Arbeitsmarkt, nicht beim Wohnen. Nicht im öffentlichen Raum. Nirgends. Wir müssen Haltung beweisen, widersprechen, dagegenhalten. Und Strukturen schaffen, die niemanden diskriminieren.

Wir wissen es: Am 1. August wird der nationale Zusammenhalt beschworen. Das ist Tradition, das ist ein Ritual – und manchmal können wir uns des Verdachts nicht ganz erwehren, dass einiges auch schöngeredet wird. Sagen wir es so: Am ersten August werden manchmal Gräben rhetorisch problemlos überwunden, die sich im Alltag dann doch als etwas breiter erweisen. Nicht in diesem Jahr: Wenn die Lage ernst ist, rücken wir als Gesellschaft zusammen. Indem wir Verantwortung für das eigene Handeln übernommen haben, haben wir Verantwortung für die anderen übernommen. Unsere Solidarität ist echt.