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Wie Rituale den Sport beeinflussen

(Bildquelle: infoticker)

Adrian Mutu trägt seine Unterwäsche linksrum, Rafael Nadal stellt seine Trinkflaschen immer gleich auf und Kolo Toure betritt grundsätzlich als Letzter das Fussballfeld. In der Welt des Sports sind ritualisierte Handlungen ein häufiges Phänomen. Der Grat zwischen Ritual und Aberglaube ist dabei...

Wenn von kuriosen Ritualen im Sport berichtet wird, darf die Geschichte von Kolo Toure bei dessen Champions League-Auftritt mit Arsenal gegen den AS Rom nicht fehlen. Denn der Ivorer betritt immer als letzter Spieler seiner Mannschaft den Rasen. Immer heisst im Fall von Toure wirklich ausnahmslos immer.

Problem im Spiel gegen Rom: Sein Mitspieler Wiliam Gallas wurde vor Anpfiff der zweiten Halbzeit in der Kabine behandelt. Also wartete Toure so lange an der Seitenlinie, bis Gallas vor ihm auf den Platz zurückkehrte. Kolo Toure nahm dabei in Kauf, dass seine Mannschaft die ersten Minuten zu neunt auf dem Platz stand. Die unmittelbare Folge: Toure kassierte die gelbe Karte. Arsenal gewann die Partie zu guter Letzt mit 1:0.

Ob Toures Festhalten an seinem Ritual dabei irgendeine Rolle spielte, sei dahingestellt.

Rituale geben Sicherheit

Sprechen wir von Ritualen im Sport, dann tauchen wir ganz tief ein in die kulturelle Geschichte der Menschheit. Denn rituelle Handlungen sind bereits in vormodernen Stammeskulturen aufgetreten und werden heutzutage leicht abgewandelt von hochprofessionellen Sportmillionären fortgeführt. Denn bei Ritualen denken wir zunächst an Extreme wie das zuvor beschriebene Ritual von Kolo Toure. Doch die Ritualisierung von Verhaltensweisen beginnt viel früher.

Jeder Sportler hat so seine Eigenheiten, die wir jedoch nicht zwangsläufig als ritualisierte Verhaltensweise bemerken. Etwa ein Tennisspieler, der den Ball vor dem Aufschlag immer genau gleich oft aufspringen lässt. Spitzensportler stehen unter einem enormen Erfolgsdruck. Nicht nur die Erwartungshaltung der Fans setzt ihnen zu. Oft entscheidet ein einziger Wettkampf, ob ein Sportler auch in den kommenden Jahren von Fördermitteln aus der Sporthilfe profitieren wird. Dies betrifft vor allem Athleten in Sportarten, in denen man nicht das ganz grosse Geld verdient. Zur Beruhigung der Nerven entwickeln manche Sportler gezielt ritualisierte Vorgänge, die sie schon vor den Wettkämpfen ausführen und dann im entscheidenden Moment wiederholen, um konzentrationshemmende Störfaktoren ausblenden zu können.

Auch als Ausreden müssen Rituale oftmals herhalten. So begründen Sportler eine schwache Leistung hin und wieder damit, dass die ritualisierte Vorbereitung aufgrund von Störfaktoren nicht möglich war. Auch beim Glücksspiel gibt es übrigens Rituale. So schwören beispielsweise Casinogänger in Asien auf rote Kleidungsstücke, die ihnen Glück bringen sollen.

Ritual ist nicht gleich Aberglaube

Denken wir jetzt noch einen Schritt weiter, wird klar, dass eigentlich jedes Sportereignis von ritualisierten Handlungsweisen begleitet wird. Dies fängt bereits mit dem Abklatschen zwischen den beiden Mannschaften vor einem Fussballspiel an. Sportpsychologen sprechen hierbei allerdings von einer Sitte, da dieser Verhaltensweise noch keine symbolische Inszenierung darstellt. Vielmehr ist es eine Aufrechterhaltung einer Tradition, die schon seit langem gepflegt wird. Es geht hierbei um eine Umgangsform, die wie alle Formen der verbalen und nonverbalen Kommunikation das Miteinander vereinfacht.

Die Grenze zwischen einer ritualisierten Verhaltensweise, deren unmittelbare Auswirkung noch rational erfassbar ist und eines Rituals, das nur für den Ausführenden selbst aus persönlichen Gründen sinnvoll ist, ist dagegen fliessend. So kann es für einen Tennisspieler durchaus Sinn machen, vor dem Aufschlag den Ball oft aufspringen zu lassen, um die Konzentration zu erhöhen. Von Aberglaube spricht man erst, wenn der Betroffene sich einen Vorteil durch sein Handeln verspricht, dessen Ursache-Wirkung-Zusammenhang für einen Aussenstehenden nicht mehr nachvollziehbar ist. Kolo Toures unbedingter Wille, als letzter Spieler auf den Platz zu treten, ist somit ohne wenn und aber als Aberglaube zu identifizieren.

Hier herrscht eine Art von magischem Denken vor, dem jede Rationalität abhanden gekommen ist. Genau diese Art von Ritualen kann unter Umständen auch zur Belastung werden. So gesehen im Fall Toure, der für seine Aktion mit der gelben Karte bestraft wurde.

Rituale sind Bestandteil der menschlichen Kultur

Aus kulturell-historischer Sicht kann also eindeutig festgestellt werden, dass Rituale in gewisser Weise zum Menschsein dazugehören. Auch der sachlichste und nüchternste Sportler legt gewisse Gepflogenheiten an den Tag, die als rituelle Handlungen identifizierbar sind.

Es muss dabei bei weitem nicht so offensichtlich sein, dass Unterwäsche auf links gedreht oder die Aufstellung einer Fussballmannschaft anhand von Sternzeichen festgelegt wird. So geschehen unter Frankreichs Nationaltrainer Raymond Domenech, der bei der Weltmeisterschaft 2006 bewusst vier im Sternzeichen Krebs geborene Spieler aufbot. Dies sollte den Zusammenhalt der Mannschaft stärken.

Das Ergebnis ist bekannt: Frankreich verlor im Elfmeterschiessen.